Seit Jahrzehnten lehren Tauchorganisationen das Notfall-Abwerfen von Blei als letzte Rettungsmaßnahme. Die Idee dahinter ist simpel: Gerät man in großer Tiefe in ernsthafte Schwierigkeiten, wirft man das Blei ab und schießt zur Oberfläche. Was zunächst wie ein Sicherheitsnetz klingt, ist in der Praxis jedoch ein gefährliches und überholtes Konzept. Moderne Ausrüstungskonfigurationen und eine fundierte Tauchausbildung machen das Abwerfen von Blei überflüssig – und in vielen Fällen sogar kontraproduktiv und riskant.
Lass mich erklären warum.
Persönliche Anmerkung
Ich bin auf der ganzen Welt getaucht und habe dabei zahlreiche fragwürdige Sachen gesehen. Viel zu oft wählen selbst sogenannte Tauch-„Profis“ den bequemen Weg und überbleien ihre Kunden, anstatt sie korrekt auszubleien und vernünftig auszustatten.
Also ja, ich verstehe absolut, warum Tauchorganisationen den (kontrollierten) schwimmenden Notaufstieg (Controlled Emergency Swimming Ascent, CESA) lehren.
„Lieber irgendwie an die Oberfläche kommen, als unten zu bleiben – oder?“ Aber das ist keine Ausrede.
Wir sollten Ausbildung und Ausrüstung nicht an schlechte Praktiken anpassen. Stattdessen müssen wir das Tauchen und die Tauchausbildung grundsätzlich verbessern und sicherer gestalten.
🚫 Die Probleme beim Abwerfen von Blei unter Wasser
1. Unkontrollierte Aufstiege
Das Abwerfen von Blei unter Wasser führt nahezu zwangsläufig zu einem schnellen, unkontrollierten Aufstieg. Damit gehen erhebliche Risiken einher, darunter Lungenüberdehnungsverletzungen, Dekompressionskrankheit und Barotrauma. Man tauscht dabei ein Problem gegen ein anderes – im Zweifel sogar gegen ein deutlich schwerwiegenderes.
2. Verlust der Kontrolle
Tauchen bedeutet in erster Linie, die Kontrolle zu behalten. Das Abwerfen von Blei bewirkt genau das Gegenteil: Man verliert schlagartig die Kontrolle über den Auftrieb. Und ist das Blei einmal in der Tiefe verschwunden, gibt es kein Zurück mehr.
3. Risiken an der Oberfläche
Selbst wenn man die Oberfläche sicher erreicht, steht man nun ohne Blei da. Bei rauen Bedingungen oder wenn ein erneuter Abstieg nötig wird – zum Beispiel, um einem Buddy zu helfen oder einer Gefahr zu entgehen – hat man keine Optionen mehr.
4. Unmöglich in Überkopfumgebungen
Für technische Taucher, Höhlen- oder Wracktauchgänge – aber auch in manchen Freizeittauchgängen (z. B. ein Boot direkt über dem Kopf) – ist das Abwerfen von Blei keine Option.
5. Ausrede für falsches Bebleien
Allein die Existenz des „Blei-Abwerfens“ führt häufig dazu, dass Taucher weniger sorgfältig auf korrektes Bebleien achten. Manche denken: „Wenn ich überbleit bin, kann ich im Notfall einfach abwerfen.“ Diese Einstellung ist nicht nur faul– sie ist gefährlich.
6. Blei an der Oberfläche abwerfen
Hat man bereits die Oberfläche erreicht und muss oben bleiben, gibt es mehrere Möglichkeiten: Entweder das Blei abwerfen oder die Ausrüstung ablegen. Dies ist vor allem dann relevant, wenn die Tarierweste (BCD) nicht funktioniert. Ansonsten reicht es, sie einfach aufzublasen – entweder über den Inflator oder mit dem Mund.
✅ Das ausgewogene Setup (balanced Rig): Der bessere Ansatz
Ein ausgewogenes Setup bedeutet, die Ausrüstung so einzurichten, dass Auftriebsänderungen durch den Flascheninhalt und den Druck auf den Tauchanzug berücksichtigt werden. Richtig umgesetzt sorgt dies für:
- Du kannst zur Oberfläche schwimmen, ohne auf die Tarierweste (BCD) angewiesen zu sein.
- Du trägst niemals mehr Gewicht, als du auch ohne aufgeblasene Tarierweste (Wing) kontrollieren kannst.
- Dein Trim bleibt stabil und effizient, was Energie und Luft spart.
Bei einem ausgewogenen Setup ist das Abwerfen von Blei nicht nötig. Die Ausrüstung hilft dir und arbeitet nicht gegen dich. Fällt die Tarierweste aus, kannst du einfach mit Flossenschlägen zur Oberfläche gelangen.
(Und ja: abwerfbares Blei kann je nach Situation Teil eines ausgewogenen Setups sein.)
🎯 Ausbildung statt Abkürzungen
Das Abwerfen von Blei ist oft eine Krücke für unzureichende Ausbildung und schlechte Gewohnheiten. Anstatt sich auf einen „Panikknopf“ zu verlassen, sollten Taucher sich auf Folgendes konzentrieren:
- Korrektes Bebleien von Anfang an – keine zusätzlichen Kilos „für alle Fälle“.
- Regelmäßiges Auftriebs-Training, nicht nur im Tauchkurs und dann nie wieder
- Übungen wie luftteilenden Aufstieg, kontrolliertes Schwimmen und manuelles Aufblasen der Tarierweste
- Stressbewältigung unter Wasser – ruhige Köpfe treffen bessere Entscheidungen
Mit konsequenter und praxisnaher Ausbildung wirst du niemals auf einen unrealistischen und gefährlichen Notfalltrick angewiesen sein.
🧭 Vorbeugen statt Reagieren
Der beste Weg, sicher zu bleiben, besteht nicht darin, auf verzweifelte Notlösungen zu setzen, sondern Notfälle von vornherein zu verhindern. Das bedeutet:
- Regelmäßige Wartung der Ausrüstung und Kontrolle der richtigen Bleimenge
- Tauchgänge konservativ planen
- Übung von Tarierung und Trim als kontinuierliche Fertigkeiten
- Innerhalb der eigenen Grenzen bleiben und mit kompetenten Tauchpartnern tauchen
- Übernehme Verantwortung für deinen Tauchgang – folge nicht einfach blind Anweisungen
- Fit bleiben – es klingt vielleicht unbequem, aber körperliche Fitness ist sehr wichtig, um Situationen unter Wasser sicher zu bewältigen.
Ich habe fast 4.000 Tauchgänge absolviert und nie musste ich mein Blei abwerfen. Das ist kein Glück – das ist Vorbereitung.
🌊 Das Fazit
Das Notfall-Abwerfen von Blei gehört der Vergangenheit an. Beim modernen Tauchen mit ausgewogenem Setup und fundierter Ausbildung ist es nicht nur überflüssig, sondern auch riskant. Anstatt Taucher auf verzweifelte Notlösungen zu trainieren, sollten wir uns auf die Grundlagen konzentrieren: korrektes Bebleien, Beherrschung der Fähigkeiten und präventives Tauchen.
Tauchen sollte von Kontrolle, Ruhe und Selbstvertrauen geprägt sein – nicht von Abkürzungen.
